Gründungstransfer

Wie aus Rhabarberleder rhubarb technology wurde

Dr. Anne-Christin Bansleben (credit@Andreas Troitsch) 2018
Porträtbild Rhabarberleder rhubarb technology Dr Anne-Christin Bansleben Hochschule Anhalt Gründer

12. Dezember 2018

Mit rhubarb technology ist zwei ehemaligen Studierenden der Hochschule Anhalt etwas Besonderes gelungen: Aus einer Innovation heraus – dem Rhababerleder – haben Anne-Christin und David Bansleben ein erfolgreiches Start-up gegründet. Zu forschen ist für sie eine der wichtigsten Säulen geblieben. 

Gute Bilanz mit Nachhaltigkeit und Regionalität

Ihre Bilanz seit 2010 kann sich sehen lassen: Aus dem ersten und einzigen Rhabarberleder in Champagner ist eine ganze Farbpalette geworden. Immer mehr Hersteller von Schuhen, Accessoires und neuerdings auch Möbeln fragen nach dem Leder, das mit Essenzen aus der Rhabarberwurzel gegerbt wird. Rhubarb technology konnte seinen Umsatz jedes Jahr auf 500.000 Euro Ende 2017 erhöhen mit einer deutlichen Steigerung in 2018, hat drei Angestellte in Vollzeit und vier in Teilzeit. Zwei Investoren unterstützen finanziell den Wachstumskurs. Die Gründer bestehen bis heute auf einer fairen, regionalen und Ressourcen schonenden Produktion, die nach verschiedenen Richtlinien zertifiziert ist. Man könnte sagen, dass ihre innovative Idee auf der Nachhaltigkeitswelle mit geschwommen ist. Doch das war vor einigen Jahren so nicht unbedingt absehbar.

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Die Entdeckung des Rhabarberleders: Life Sciences an der Hochschule Anhalt

Prof. Ingo Schellenberg – Biochemiker an der Hochschule Anhalt, Initiator des Center of Life Sciences und Mitgründer von rhubarb technology – entdeckte bereits in den 1990er Jahren, dass sich die in der Rhabarberwurzel enthaltenen Polyphenole hervorragend zur Gerbung von Leder eignen und das umstrittene Chrom ersetzen können. Weich und angenehm riechend war das Rhabarberleder so hochwertig, dass es bislang pflanzlich gegerbte Leder in den Schatten stellte. Das Ergebnis aus sechs Jahren intensiver Forschungsarbeit: ein innovatives, patentiertes Verfahren und erste Produktmuster. Ein Punkt, an dem Innovationen oft das gleiche Schicksal ereilt: Sie landen in der Schublade.

Forschen und Wirtschaften

"Das sollte auf keinen Fall passieren. Wir waren von dem Rhabarberleder so begeistert, dass wir uns verpflichtet fühlten, es auf den Markt zu bringen", erzählt Anne-Christin Bansleben. Bis 2004 hatte sie auf dem Campus in Bernburg Ökotrophologie studiert und danach – wie auch ihr Ehemann David - bei Prof. Schellenberg in verschiedenen Forschungsprojekten gearbeitet: "Unser Fokus war immer die anwendungsorientierte, wirtschaftsnahe Forschung und hätte es das Rhabarberleder nicht gegeben, dann wären wir vermutlich trotzdem einen ähnlichen Weg gegangen", sagt die 40-jährige Gründerin und Wissenschaftlerin mit Promotion. 

Kein einfacher Weg

Und den unbedingten Willen, ein Unternehmen zu gründen, brauchten Anne-Christin und David Bansleben auch, denn vor ihnen lagen einige Hürden, die auch persönliche Entbehrungen forderten:

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Grafik Rhabarberleder rhubarb technology Hochschule Anhalt Gründungstransfer KAT-Netzwerk

Nachhaltigkeit auf dem Modemarkt

"Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten für ein neues Produkt und ein neues Verfahren auf einem Modemarkt, der 2010 das Thema Nachhaltigkeit erst für sich zu entdecken begann", erzählt Anne-Christin Bansleben von den anfänglich schwierigen Bedingungen. Zum Gespräch im Leipziger Showroom, wo die Kollektion ihres Labels "deepmello" und anderer befreundeter Designer gezeigt werden, gibt es Rhabarberschorle von einem Hersteller aus der Region. Als 2014 Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff persönlich zu Besuch war, gab es selbst gebackenen Rhabarberkuchen, wie noch auf dem deepmello-Blog nachzulesen ist. Das Team aus der Staatskanzlei fragte sehr detailliert nach den Erfahrungen der jungen Gründer. 

Gründungstransfer in Sachsen-Anhalt

Möglicherweise trug das Gespräch dazu bei, dass es heute in Sachsen-Anhalt bessere Bedingungen für Gründer gibt, auf die Anne-Christin und David Bansleben gern zurückgegriffen hätten: Gründerzentren mit Beratungen, finanzielle Förderungen und ein Netzwerk zum Erfahrungsaustausch. War rhubarb technology 2010 eine der ersten Ausgründungen der Hochschule Anhalt, betreut das seit 2012 aktive Gründerzentrum "Found it!" aktuell 123 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Am stärksten vertreten sind Projekte der Kreativwirtschaft, Informatik, Ernährung und Landwirtschaft. Die Zahl der von „Found it!“ betreuten Gründungen hat sich von einer einzigen im Jahr 2012 auf 20 im Jahr 2017 erhöht.

Das Start-up als Spin-off

Rhubarb technologie profitiert bis heute von der Verbindung zur Hochschul-Forschung und vom Standort in Bernburg. So konnten sie hier größtenteils die Entwicklungsarbeit zur Marktreife ihres Rhabarberleders durchführen und hatten bereits bei der Gründung ein Netzwerk von Forschungspartnern, die sie zu Geschäftspartnern machten. Die Strenzfelder Allee in Bernburg ist nach wie vor der Firmensitz. Auf den umliegenden Feldern wird der Rhabarber für die Gerbung der Leder angebaut. In den Laboren wird extrahiert und weiter geforscht. Mehr als 40 Rhabarberspezies hatten Anne-Christin und David Bansleben allein für die Entwicklung des Gerbungsverfahrens untersucht und dabei weitere Potenziale der Pflanze entdeckt. Sie sind bereits in ihre Kosmetiklinie "Redrhubarb" geflossen, die wie auch die Design-Stücke aus der stetig wachsenden deepmello-Kollektion über einen Online-Shop vertrieben wird. Allein drei Mitarbeiter*innen von rhubarb technology widmen sich der Forschung und Entwicklung.

In der Karl-Heine-Straße 44 in Leipzig ist der Showroom des Labels „deepmello“ von Anne-Christin und David Bansleben.
Schmuck aus Rhabarberleder Rhabarberleder rhubarb technology Store II Hochschule Anhalt Gründungstransfer KAT-Netzwerk
Blick in den Store in Leipzig Rhabarberleder rhubarb technology Store I Hochschule Anhalt Gründungstransfer KAT-Netzwerk

40 Rhabarberspezies: Große Potenziale

"Zurzeit schauen wir im Bereich der Beschichtung der Leder, wie man die hinlänglich eingesetzten Kunststoffe ersetzen könnte", berichtet Anne-Christin Bansleben. Um diese Forschung kümmert sich in erster Linie ihr Mann David – sie selbst eher um das Geschäftliche, die Repräsentation der Marke deepmello und das Netzwerken, mit dem sie inzwischen einige Spuren hinterlassen hat: Im Internet ist Anne-Christin Bansleben mal als erfolgreiche Gründerin in den eleganten Designs von deepmello zu sehen, mal als Wissenschaftlerin in Gummistiefeln auf den Rhabarberfeldern in Bernburg, dann findet man sie wieder als Vorstandsmitglied eines Netzwerks für nachhaltige Textilien – verschiedene Welten, die zum Erfolg von rhubarb technology dazugehören. 

Der Preis als Lohn

"Auf dem nachhaltigen Markt haben wir inzwischen Fuß gefasst. Viel Potenzial gibt es für uns noch auf dem konventionellen Markt, denn 85 Prozent aller Leder werden nach wie vor mit Chrom gegerbt und hier beginnt erst das Umdenken durch den Druck der Kunden", blickt Anne-Christin Bansleben positiv in die Zukunft und auf anstrengende Zeiten: ständiges Reisen zu Geschäfts- und Forschungspartnern, keine Woche wie die andere, lange Arbeitszeiten. Für Gründer*innen wie sie scheint das aber gar kein Preis zu sein, sondern eher Teil ihres Lohns: "Es ist eben eine Passion."

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Informationen und Kontakt

Rhubarb technology GmbH

Strenzfelder Allee 28

06406 Bernburg

Zur Homepage.

Anne-Christin Bansleben ist zu erreichen unter: E-Mail: info@deepmello.com, Tel.: 0163/7845168

Text und Bilder (soweit nicht anders benannt): Claudia Kusebauch

Wort-Bild-Marke KAT-Netzwerk

Die Forschung der "Life Science" sowie das gleichnamige Kompetenzzentrum mit verschiedenen Arbeitsgruppen an der Hochschule Anhalt werden seit 2006 im Rahmen des KAT-Netzwerks gefördert.